Sonderdruck aus "Klinische Wochenschrift", 41. Jahrgang, 11. Heft. 1. Juni 1963, S. 565/66
Springer-Verlag, Berlin - Göttingen - Heidelberg / J.F. Bergmann, München

Selektive Einschleusung von Evans-blue in Tumorzellen durch Heparinoid

Von Albert Landsberger

Aus dem Anatomischen Institut der Universität Heidelberg
(Direktor: Prof. Dr. Ferner)
(Eingegangen am 11. März 1963)

Im Rahmen unserer Prüfungen der Heparinoide, bei denen wir Im Tierversuch einen antiblastischen Effekt sowohl beim Benzpyren-Sarkom (Landsberger 1962) als auch beim Ascites-Carcinom (Landsberger 1963) nachweisen konnten, stellten wir uns die Frage nach der Wirkungsweise dieser Substanzen. Frühere Untersuchungen haben gezeigt, daß Tumorzellen nach Einwirkung von Heparinoiden verdämmern, während die normalen Gewebszellen nicht geschädigt werden.

Um den Weg des Heparinoids verfolgen und darstellen zu können, haben wir Evans-blue zusammen mit Heparinoid intraperitoneal injiziert. Wir verwendeten Evans-blue, weil dieser Farbstoff nicht in die Zellen (ausgenommen des reticulohistiocytären Systems) eindringt. Außerdem konnte tierexperimentell festgestellt werden, daß der Farbstoff selbst in großen Dosen nicht toxisch ist (Schubert 1948; Somog, Wirz, Verzar 1940/41).

Der Versuch

  1. Wir injizierten fünf tumorkranken Ratten, deren Geschwülste etwa kirschgroß waren, je 30 mg Evans-blue, gelöst in 2 cm³ Aqua redest., intraperitoneal. Die Injektion wurde 24 Std später wiederholt. Nach weiteren 24 Std entnahmen wir den narkotisierten Tieren Tumor, Leber, Milz, Lunge und Gehirn zur histologischen Untersuchung. Bei der Duchmusterung der Präparate konnten wir in keinem Falle feststellen, daß der Farbstoff in die Tumorzellen eingedrungen war.
  2. Zugleich erhielten fünf Tiere je 30 mg Evans-blue, gelöst in 1,5 cm³ Aqua redest. Dieser Lösung gaben wir 0,5 cm³ des Heparinoids (Das Heparinoid (G31 150) stellte uns die J.R. Geigy AG in Basel zur Verfügung, wofür wir danken.) hinzu. Die Injektion erfolgte ebenfalls intraperitoneal. Nach 24 Std wiederholten wir die Injektion mit gleicher Dosierung. Nach weiteren 24 Std entnahmen wir den narkotisierten Tieren Tumor, Leber, Milz, Lunge und Gehirn zur histologischen Untersuchung. Makroskopisch konnten wir im Vergleich zu den Tieren der Gruppe 1 bei Leber, Milz, Lunge und Gehirn keinen Farbunterschied beobachten. Das Tumorgewebe zeigte hingegen eine deutliche Blaufärbung bei den Ratten der Gruppe 2 im Gegensatz zu der blaßblauen Färbung der Tiere der ersten Gruppe. Histologisch stellten wir fest, daß das Evans-blue in die Tumorzellen eingedrungen war. Sowohl das Cytoplasma als auch Kern und Nucleolen zeigten eine deutliche Blaufärbung, wobei die Nucleolen besonders farbreich erschienen. Dagegen hatten sich die Zellen der untersuchten Organe nicht angefärbt.
  3. Bei einer dritten Gruppe mit gleicher Versuchsanordnung gaben wir der Evans-blue-Lösung 150 µg Trisäthyleniminobenzochinon (Trenimon) zu (pro Tier 30 µg). Der ersten Versuchsgruppe gleichend, färbten sich die Tumorzellen nicht.

Auf Grund dieser Ergebnisse vermuten wir, daß das Heparinoid die Membran der Tumorzellen so verändert, daß schädliche Substanzen nicht mehr blockiert werden können und in die Zelle eindringen. So würde eine zu diesen Versuchen parallel durchgeführte erfolgreiche Behandlung tierexperimenteller Benzpyren-Sarkome mit der Kombination von Trenimon mit einem Heparinoid ihre Erklärung finden. Dabei ist zu bemerken, daß sowohl das Heparinoid wie auch das Trenimon so niedrig dosiert werden konnten, daß der physiologische Bereich nicht überschritten wurde, d.h. eine Schädigung blutbildender Zentren durch das Cytostaticum konnten wir, im Gegensatz zu einer reinen Trenimon-Behandlung, nicht feststellen (Landsberger 1962). Bei der Auswahl des Cytostatikums ließen wir uns von den klinischen Erfahrungen Linkes leiten (Linke 1959; Linke und Freudenberger 1960). Nachfolgende elektronenoptische Untersuchungen sollen die hier beschriebenen Befunde erweitern.

Zusammenfassung

Bei Ratten, die mit Evans-blue + Heparinoid injiziert wurden, dringt Farbstoff in die Tumorzellen ein, in die normalen Gewebszellen hingegen nicht (außer denen des RHS). Evans-blue ohne Heparinoid dringt in Tumorzellen nicht ein, ebenso nicht Evans-blue mit Trenimon.

Literatur

  1. Bierling, R.: 2. Symposium. Stuttgart: Ferdinand Enke 1960
  2. Domagk, G.: Münch. med. Wschr. 100, 16 (1958)
  3. Landsberger, A.: Therapiewoche 12, 11, 436 (1962)
  4. Landsberger, A.: Klin. Wschr. 40, 542 (1962)
  5. Landsberger, A.: Med. Welt (erscheint April 1963)
  6. Linke, A.: 1. Kolloquium über Cytostatika. Stuttgart: Ferdinand Enke 1959
  7. Linke, A. u. B. Freudenberger: 3. Symposium. Stuttgart: Ferdinand Enke 1960
  8. Schubert, R.: Dtsch. med. Wschr. 73, 551 (1948)
  9. Somog, J.C.: Z. Biol. 98, 60 (1937)
  10. Somog, J.C., H. Wirz u. F. Verzar: Helv. med. Acta 7, Suppl. 6, 44 (1940/41)

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