Diese Geschichte entstand schon 2003 als Kurzfilm-Drehbuch. Im Sommer 2005 arbeitete ich das Script zur Kurzgeschichte um, die im Juni 2006 im ext.c't magazin für computertechnik erschien. Das Original mit den dynamischen Illustrationen von ext.Susanne Wustmann gibt's immer noch am ext.heise online-Kiosk (kostenpflichtig).

Schöne Aussicht, Block 16

von Malte Landsberger

Fahrig sah Peter Schneider auf seine Armbanduhr und schüttelte den Kopf. Schon kurz nach zehn. Er und sein Kollege Josef Müller eilten suchend von Wohnblock zu Wohnblock. Müller keuchte bereits vernehmlich. Er schleppte nicht nur den schweren Werkzeugkoffer, sondern auch einen stattlichen Bauch, der seinen keineswegs knapp geschnittenen blauen Arbeitskittel gut ausfüllte und nicht den geringsten Zweifel daran ließ, dass Müller sehr viel lieber aß, als Sport trieb. Schneider dagegen war groß, schlank und sein hellgrauer Vertreteranzug von der Stange saß perfekt. Auch er schwitzte jetzt, allerdings eher aus Nervosität. Er hatte die Ausdehnung der Plattenbausiedlung stark unterschätzt, sich den Wegeplan in seinen Anweisungen nur oberflächlich angesehen und so ihren Kombiwagen viel zu weit entfernt von der Wohnung der Zielperson abgestellt. Noch war ihnen keine Menschenseele zwischen den zwar gleichförmigen, aber durchaus nicht mehr einheitlich gestalteten Betonklötzen begegnet; die Kinder waren in Kindergarten oder Schule, die Erwachsenen hatten zu tun, auch wenn nur noch ein Teil der hier Wohnenden, sich über eine bezahlte Arbeit freuen konnte. Doch Schneider wie Müller wussten durch ihre Erfahrung aus vielen Berufsjahren, dass sie sich beeilen mussten. Um die Mittagszeit kehrte hier das Leben zurück.

„Das ist es.“

Schneider hielt inne und zeigte kurz auf den Eingang eines cremegelben Gebäudes mit orangefarbenen Streifen, die sich, die Fenster umrahmend, vom geteerten Fundament bis hoch zum Flachdach zogen. Dunkelrot leuchtete ihnen die Hausnummer 16 entgegen.

„Endlich“, brummte Müller nur, lief weiter zügig zur Eingangstür, stellte seinen Koffer ab und lehnte sich prüfend gegen den verschrammten Metallgriff. Schneider dagegen wandte sich der Klingelleiste zu und studierte die Namen auf den zahlreichen Schildchen.

„Bruch oder Masche?“, murmelte er und sah seinen Partner fragend an. Ein kurzes, selbstsicheres Grinsen huschte über Müllers bulliges Gesicht. Beinahe zärtlich strich er mit dem Finger über den deutlich vorstehenden Türzylinder: „Nicht umgeschlossen. Sechs Minuten.“

„Hast du bei der letzten Tür auch versprochen und was war? Nach ’ner halben Stunde standen wir immer noch draußen“, hielt ihm Schneider unbeeindruckt entgegen. Müller verzog das Gesicht und legte den Kopf schief: „Ich darf doch nichts beschädigen, oder?“

„Dann klingle ich jetzt irgendwo“, entschied Schneider und führte den Zeigefinger suchend über die Klingelknöpfe. Mit einer schnellen Bewegung fasste Müller ihn am Handgelenk: „Sechs Minuten. Wenn’s acht werden, geb’ ich einen aus.“ Er ließ die Hand seines Kollegen los und der strich sich damit über seine kurzgeschnittenen, dunklen Haare während er überlegte. Noch immer war niemand zu sehen.

„Also gut, aber ’nen ganzen Kasten.“

„Ein Kasten“, bestätigte Müller und beugte sich siegesgewiss zu seinem Koffer hinunter.

In diesem Moment öffnete sich die Tür. Ein noch junger Kurzhaardackel stürmte auf seinen kurzen Beinen heraus und huschte unter Müller hindurch. Das Tier zog eine weißhaarige Dame in einem dunklen Kleid mit Blumenmuster hinter sich her. Mit der Elastizität eines hüpfenden, blauen Medizinballs richtete Müller sich auf und gab den Durchgang frei. Trotzdem blieb die Dame abrupt stehen, wodurch der Dackel an der Leine ziemlich roh in seinem Vorwärtsdrang gebremst wurde.

„Jesses“, japste sie und griff mit der zweiten Hand nach der Hundeleine, da ihr tierischer Begleiter jetzt aufgeregt bellend zwischen Müller und Schneider hin und her sprang und sich offensichtlich nicht entscheiden konnte, wen er zuerst beißen wollte.

Schneider ergriff die Chance beim Schopf. Nach kurzem, sicherndem Blick auf die spitzen Zähnchen, bereit dem ungestümen Vierbeiner jederzeit einen Tritt zu versetzen, streckte er die Hand aus und stellte sich vor: „Schneider; Schneider von der Hausverwaltung.“

„Ruhig jetzt“, zischte die Dame zu ihrem immer noch nervzerfetzend kläffenden Liebling und zerrte ihn an der Leine ungnädig zu sich heran, „darfst doch die Herren nicht erschrecken. Aus!“ Tatsächlich verkroch das Tier sich hinter den Beinen seines Frauchens und riskierte nur noch vereinzelt ein drohendes Knurren von dieser sicheren Position aus. Die Alte dagegen begrüßte den netten Abgesandten der Hausverwaltung mit einem strahlenden „Guten Tag“, drückte überraschend energisch die ihr hingehaltene Hand und sah dann Müller an.

„Mein Kollege, Müller“ stellte Schneider ihn vor.

„Schön, dass sie kommen und sogar zu zweit“, freute sie sich und schüttelte Müllers plumpe Rechte nun ebenfalls mit Nachdruck. Hinter ihrem Rücken warf Schneider seinem Partner ein teuflisch überlegenes Lächeln zu.

„Wir kümmern uns um unsere Mieter“, versicherte er mit servilem Charme.

„Das mit dem dauernden Lärm war ja schon schlimm genug, aber jetzt stellen die den ganzen Keller auch noch mit ihrem Müll zu“, begann die Alte ihre Klage und ein heftiger Zorn blitzte aus ihren Augen, während sie sich bemühte, ihre Stimme so ruhig wie möglich klingen zu lassen. „Und das Zeug stinkt. Will gar nicht wissen, was die da alles drin haben.“

„Ist ja scheußlich“, nickte Schneider und setzte einen mitfühlenden Gesichtsausdruck auf. „Und wo sind die Sachen?“

„Im Keller; der ganze Gang, bis zur Waschküche. Da kann ma’ kaum noch laufen“, erläuterte die Alte und zu ihrer großen Freude verkündete Schneider:

„Das werd ich mir gleich ansehen. Können Sie mich führen?“

„Eigentlich wollt’ ich ja mit’m Hundi weg,“ entgegnete sie und warf einen liebevollen Blick auf ihren Dackel, der zumindest zuletzt knurrend aber friedlich auf seinen Ausmarsch gewartet hatte, „aber das hier ist wichtiger. Komm Elvis.“

Sie machte kehrt und lief, sich am Geländer stützend, die Kellertreppe hinunter. Schneider schloss sich ihr an und wirkte dabei sehr zufrieden, während der Hund eher missvergnügt an seiner Leine hinterhertrottete. Noch während ihres Abstieges begann Schneider die Alte mit dem Geschick des geübten Ermittlers über alle Mietparteien auszufragen und sie sprudelte mit Begeisterung alles hervor, was sie jemals an Gutem oder Schlechtem über jedermann erfahren hatte. Dabei entging ihr vollkommen, dass der zweite Mann, der im blauen Overall, gar nicht mehr bei ihnen war.

Müller war, da er ihre Aufmerksamkeit voll eingebunden sah, ohne Umschweife in den zweiten Stock hochgeeilt, dort in den Gang linker Hand eingebogen und zur Wohnungstür am Ende gelaufen. Ungestört hatte er das Schloss überwunden (vier Minuten, zweiundvierzig Sekunden) und war mit seinem massigen Körper in die Dunkelheit eines ziemlich kleinen Empfangsraumes eingetaucht. Die Luft war abgestanden, aber es roch nicht nach Essensdünsten. Angestrengt lauschte er in die Stille, doch keine Bewegung war in der Wohnung zu hören. Müller atmete durch und setzte den Werkzeugkoffer ab. Wirklich niemand da. Er ließ die Anzeige seiner Digitaluhr blau aufleuchten: 10:28 Uhr. Jetzt hatte er noch genügend Zeit. Das Licht einzuschalten riskierte er nicht, da man es durch den Türspion hätte sehen können. Statt dessen öffnete er die Tür zu einem der Zimmer einen Spalt breit. Ein niedriger Schuhschrank, an dem eine Klappe nicht mehr richtig schloss, eine in die Wand gedübelte Hängegarderobe ohne Hutablage, ein gerahmtes Kalenderbild mit einer Stadtansicht, vielleicht Wien oder Salzburg. Müller strich mit dem Zeigefinger sachte über die Oberkante des Bilderrahmens. Kaum Staub. Hier wurde also regelmäßig sorgfältig gereinigt. Um so vorsichtiger musste er beim Anbringen seiner Abhöreinrichtungen sein. Er stieg auf seinen Koffer, sah sich um und entdeckte zu seiner Freude einen Spalt zwischen einer der Türfüllungen und der Wand. Mit einem kleinen Schraubenzieher vertrieb er die Spinne, die diese Rückzugsmöglichkeit bislang als ihr Heim angesehen hatte. Dann ließ er mit sanftem Druck die erste seiner beinlosen, metallisch glänzenden Wanzen dort verschwinden. Perfekt getarnt. Müller war sehr zufrieden mit sich.

In der winzigen Küche impfte er das Radio unter dem Hängeschrank; dessen Kunstoffgehäuse war sehr leicht zu öffnen, nicht abgeschirmt und bot ebenfalls genügend Platz für einen von Müllers Schnüffelkäfern. Erst sechs Minuten vergangen. Es lief bestens und Müller fand Gelegenheit, auch seiner Neugierde nachzugeben und den einen oder anderen Blick auf Bücherborde, in Schubladen oder Schränke zu werfen. Hin und wieder hielt er dennoch den Atem an, wenn draußen im Treppenhaus Schritte zu hören waren, oder irgendwo in dem Gebäude ein Staubsaugergebläse losheulte.

Das schnurlose Telefon war ein sehr verbreitetes Modell. Er hatte genau den für die Basisstation passenden Einbausatz parat. So benötigte er hier nur knapp neun Minuten. Der PC in der Büroecke des Wohnzimmers forderte ihn da schon etwas länger. Dafür konnte man ab jetzt nicht nur sämtliche Tastatureingaben, sondern auch den Datenverkehr auf der Modemleitung im Umkreis von sechshundert Metern mitprotokollieren, trotz Abschirmung. Es war schon erstaunlich, wie sehr sich die Abhörtechnik weiterentwickelt hatte, seit er in diesem Bereich arbeitete. Man konnte förmlich spüren, welche Summen die Hersteller in die Forschung zur Verbesserung ihrer Produkte investierten. Müller bezweifelte nicht im Geringsten, dass dieser Einsatz sich lohnte, denn die Zahl der Lauschangriffe nahm jedes Jahr rasant zu, wohingegen die gesetzlichen Hürden zum Schutz der Privatsphäre immer weiter abgebaut wurden. Die neueste Generation der elektronischen Ohren war durch Frequenzhopping und ausgeklügelte Rückkopplungsfilter kaum noch aufzuspüren, immun gegen fast alle Störversuche und lieferte eine atemberaubende Klangqualität, frei von hörbaren Verzerrungen, Rauschen und Knistern. Selbst zur Übertragung eines Geigenkonzerts hätte man sie einsetzen können, ohne Gefahr zu laufen, den überkritischen Klassikliebhaber zu verärgern. Müllers Angetraute hatte ihm tatsächlich vorgeschlagen zwei von den Dingern in der städtischen Philharmonie zu „vergessen“, die ganz in der Nähe ihrer Wohnung lag. Er hatte diese Chance auf Bereicherung ihres kulturellen Angebots jedoch streng abgelehnt. Das gestelzte Gewimmer, wie er es gerne nannte, war ihm ohnehin zuwider und außerdem war es ja auch verboten. Er zog die Schlichtheit eines Akkordeons vor, gelegentlich mal unterbrochen durch eine Blaskapelle.

Das Schlafzimmer war für Müller immer eine besondere Herausforderung. Quietschende Matrazenfedern und dämpfende Kissen konnten die Sprachübertragung bis zur Unverständlichkeit beeinträchtigen. Dabei waren gerade die im Bett gehauchten Geständnisse oft besonders aufschlussreich. Hier blitzte Müllers Können auf. Er installierte nicht weniger als vier Wanzen; jeweils eine in den beiden Nachtschränkchen, innen an der Hinterwand aus Presspappe. Damit auch höhere Frequenzen die Membran ungehindert erreichten, bohrte er dort Löchlein von nur 0,5 mm Durchmesser; selbst aus nächster Nähe nicht zu erkennen. Eine weitere Wanze verschwand in der Mitte des Bettrahmens, aber am Fußende. So ging auch bei ungewöhnlichen Liegepositionen nicht das leiseste Flüstern verloren. Die vierte klebte er hinter den Spiegel an der Innenseite der Kleiderschranktür für die Unterhaltungen beim Ankleiden. Jetzt konnte hier nicht mal mehr eine Hausstaubmilbe unbemerkt Kopfstand machen.

In der fensterlosen Toilette schob Müller das hellhörige Elektronikwunder durch die Schlitze des Gitters vor dem Abluftrohr knapp unter der Decke; im Badezimmer nutzte er einen Hohlraum des Waschbeckens.

11:09 Uhr. Der letzte Raum war als Kinderzimmer eingerichtet. Ein zweistöckiges Bett stand an der einen Längswand, daneben ein Kleiderschrank, dessen helle, kunststofffurnierte Türen mit Sammelbildchen und anderen bunten Aufklebern verziert waren; an den Wänden Poster mit Tieren drauf, Musikern und Motorrädern, der Boden mit Stofftieren, Bilderbüchern und Malsachen übersät. Gegenüber ein Kinderschreibtisch, auf dem - damit hatte Müller nicht gerechnet - noch ein Computer auf ihn wartete; ein älteres Modell zwar, aber eine vollwertige Datenverarbeitungsmaschine, kein Spielzeug. Von einer Minute auf die nächste war Müller plötzlich in Zeitnot. Eben noch entspannt in der Gewissheit fast fertig zu sein, fischte er jetzt hektisch einen Schraubenzieher aus seinem Werkzeugkasten. Dann griff er nach der Tastatur und ließ sie gleich wieder angewidert los. Sie fühlte sich klebrig an. Anscheinend hatte jemand reichlich zuckerhaltiges Getränk darüber laufen lassen. Außerdem hafteten einige gelblich-grüne Krümel an der Hinterkante, über deren möglichen Ursprung Müller lieber gar nicht nachdachte. Ungeachtet der gebotenen Eile, drehte er das Eingabegerät nur mit spitzen Fingern um, löste eine Fixierungsschraube, nahm sich noch einen Schraubenzieher als Hebel und ließ die Kunststoffumhüllung aufschnappen. Er musste einmal tief durchatmen, denn seine Hände zitterten leicht. Für den Eingriff brauchte er eine ruhige Hand, sonst beschädigte er am Ende versehentlich das Innenleben der Tastatur oder hinterließ zumindest Spuren seiner Manipulation. Ganz entspannt jetzt, es ist zum Glück keine Funktastatur. Die machten manchmal Schwierigkeiten. Zumindest musste man testen, dass man nicht einer der Sendefrequenzen zu nahe kam, und das kostete noch mehr Zeit. Rasch gewann Müllers professionelle Abgeklärtheit wieder die Oberhand. Zügig und mit gewohnter Präzision pflanzte er Auge und Ohr seines Dienstherren auch in dieses Gerät.

Schon während er das Gehäuse wieder zusammensetzte, durchströmte ihn angenehme Erleichterung. Er hatte seinen Auftrag erfüllt und konnte diese verdammte Wohnung gleich verlassen. Seine Technik funktionierte perfekt, niemand hatte ihn überrascht und in Erklärungsnot gebracht, panisch losgeschrien oder sogar mit Schlägen und Fußtritten gedroht. All das hatte Müller schon mal erlebt.

Er fragte sich oft, wie er es wohl empfände, wenn jede seiner Regungen heimlich abgehört und aufgezeichnet würde. Eigentlich konnte es einem ja egal sein, wenn man gar nichts davon wusste. Eine erfreuliche Vorstellung war es trotzdem nicht. Auch jetzt fand er keine Zeit, sich darüber klar zu werden, denn ein plötzliches, gedämpftes Geräusch von der Wohnungstür her, forderte seine ganze Aufmerksamkeit. Kein Schlüssel, der im Schloss gedreht wurde; jemand hatte geklopft. Zwei mal kurz, einmal lang und wieder zwei mal kurz. Müller stieß erleichtert die Luft zwischen den angespannten Lippen hervor: sein Kollege Schneider.

Obwohl er nicht daran zweifelte, warf er einen kurzen Blick durch den Türspion. Da stand Schneider, nervös wie immer, die ganze Gestalt durch die Fischaugenoptik unschön verzerrt, mit riesiger Nase und kurzen Stummelbeinen. Ob er sich wohl bewusst war, dass er gerade beobachtet wurde? Müller stellte keine längeren Studien an, sondern erlöste seinen Kollegen, indem er rasch die Tür öffnete und ihn hereinließ.

„Na, fertig?“, kam statt eines Dankeschön. Typisch. Vielleicht hätte man ihn doch noch etwas länger draußen zappeln lassen sollen; verspätete Erziehungsarbeit.

„So gut wie“, untertrieb Müller.

„Was? Es ist verdammt spät“, begann Schneider sich weiter zu erregen. Müller hob beschwichtigend die Hand: „Nur noch mein Werkzeug einräumen. Und den Schreibtisch der Kinder in Ordnung bringen.“

Er ging zurück ins Kinderzimmer, sein Kollege folgte ihm, sah sich dabei ebenfalls intensiv in der Wohnung um.

„Hat die Alte was Brauchbares von sich gegeben?“, wollte Müller wissen.

Schneider schüttelte den Kopf: „Nur das übliche, lärmende Kinder, schlecht gefegtes Treppenhaus. Hast du was gefunden?“

„Porno-DVDs. Schöne Sammlung.“ Müller grinste: „Versteckt im Kleiderschrank, im Schlafzimmer, ganz oben.“

„Kein Wunder, dass du noch nicht fertig bist“, entgegnete Schneider humorlos.

„Klar, hab mir erst mal’n paar Scheiben reingezogen, zur Beruhigung.“

Müller beschloss, seinen Kollegen bei nächster Gelegenheit unbedingt etwas länger im Treppenhaus warten zu lassen: „Hier im Kinderzimmer war noch ein Rechner.“

Schneider warf einen geringschätzigen Blick auf den alten PC inmitten des herumliegenden Spielzeugs, dann einen eher skeptischen auf Müller: „Den hier hast du auch ... ?“

Müller nickte und antwortete völlig ruhig: „Jedes Telefon, jeder Rechner. Lückenlose Überwachung war angefordert.“

Schneider schien nicht überzeugt.

„Vielleicht schreibt er seine Bombenbastelanleitungen ja am Rechner der Kinder. Wär’ doch ne prima Tarnung“, setzte Müller nach.

Nachdenklich schüttelte Schneider den Kopf: „Der hat doch überhaupt keine Kinder, wenn ich mich recht erinnere.“

„Is eben ein ganz Ausgekochter. Tarnt sich mit allen Schikanen“, scherzte Müller noch unbekümmert, während Schneider mit schnell anwachsender Beklommenheit den PDA aus der Innentasche seines Jacketts zog und mit dem Stift den gespeicherten Einsatzbefehl aufrief:

„Krüger, Isani. Verdacht auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. 31 Jahre alt, Staatsangehörigkeit deutsch, ledig, keine Kinder. Wohnhaft Zur Schönen Aussicht 26.“

„26?“ stutzte jetzt auch Müller. Sein Partner hielt ihm das kleine Display unter die Nase: „Schau’s dir an.“

Müller sah gar nicht hin, sondern bemerkte nur kalt und unumstößlich wie ein Navigationssystem: „Gegenwärtig sind wir in Block 16.“

„Aber er heißt doch Krüger“, klammerte sich Schneider an eine letzte Hoffnung. Müller machte sie jedoch sofort zunichte: "„Kregler! Steht an der Tür, auf seiner Post und dem kleinen Pokal im Wohnzimmerregal. Da sind wir wohl verkehrt. Hab mir schon so was gedacht.“

„Ach ja, warum hast du dann nichts gesagt?“

Müller zuckte unsicher mit den Schultern, aber das Verhalten des Kollegen rief in Schneider schlagartig wach, dass er ja der Teamleiter war. Mit der aufsteigenden Wut erholte sich auch sein Selbstbewusstsein und seine Stimme klang schon wieder gefasster, als er seine Anweisung gab: „Dann steh jetzt nicht rum und bau alles wieder aus.“

Das hatte Müller befürchtet: „Brauch ich mindestens ne Stunde zu. Raus ist schwerer als rein.“

Diese Information war ein schwerer Rückschlag für Schneiders gerade zurückgewonnene Sicherheit. Vor Anspannung biss er sich in den Handrücken: „So eine Kacke.“

„Ich beeil mich“, versicherte Müller, „vielleicht schaff ich’s in ner halben.“

Doch noch bevor dieser Keim der Zuversicht sich entfalten konnte, hörten sie das schnelle Trappeln von Kinderfüßen auf den Steinstufen im Treppenhaus, dann auch die hellen Stimmen.

„Scheiße, scheiße, scheiße!“ Schneiders Nerven flatterten. „Wir müssen hier raus. Schnapp dein Werkzeug.“

„Und die Wanzen?“

„Wir müssen hier raus, sofort!“, drängte Schneider. In höchster Eile warf Müller seine beiden Schraubenzieher und das Messgerät in den Koffer und schob planlos einige der Spielsachen auf dem Tisch hin und her, in dem halbherzigen Bemühen, den Zustand vor seinem Eindringen wiederherzustellen. Dann eilten sie zur Wohnungstür. Schneider legte sein Ohr an das kalte Holzimitat, während Müller wieder durch den Türspion spähte.

Draußen war niemand. Das Treppenhaus wirkte so verlassen, als hätten sie eben nur Geister gehört.

Ohne irgendjemandem aufzufallen erreichten sie ihren Kombiwagen. Bevor Schneider sich hinters Steuer setzte, öffnete er sogar die Ladeklappe für seinen Kollegen, damit dieser schneller den schweren Koffer verstauen konnte. Nachdem auch Müllers gewichtiger Körper auf dem Beifahrersitz zur Ruhe gekommen war, starrten beide eine ganze Weile schweigend auf die sanierte Plattenbausiedlung, die schwerfällig und bunt wie ein kubistischer Schmetterling vor ihnen in der Mittagssonne lag. Langsam normalisierten sich ihre Atemzüge. Sie hatten sich keinen Moment zu früh zurückgezogen. Der Parkplatz wurde zunehmend belebter. Einige Männer, vor allem aber Frauen, die vom Einkaufen zurückkamen oder ihren Nachwuchs vom Kindergarten abgeholt hatten. Dazu Schülerinnen und Schüler jeden Alters.

Aus den Augenwinkeln bemerkte Schneider plötzlich, dass die im Sitzen kugelartig vordrängende Leibesmitte seines Kollegen zu zucken begonnen hatte. Immer neue Wellen liefen darüber hinweg. Müller hatte die Lippen fest zusammen gepreßt und die Augen quollen aus seinem geröteten Gesicht. Er war ganz offensichtlich verzweifelt bemüht, einen Lachanfall zu unterdrücken.

„Was ist denn so wahnsinnig komisch?“, ärgerte sich Schneider. „Kann ich vielleicht auch mit lachen?“

Von Müller kam ein fast quiekendes Kichern: „Der hat jetzt Abhörelektronik für überschlagsmäßig“, er wiegte den Kopf, „bestimmt sechstausend Euro in seiner Bude. Wenn er die im Internet vertickt, könnte er sich locker ein neues Schlafzimmer leisten, mit nem richtigen Wasserbett drin.“

Schneider sah ihn entgeistert an. Es war deutlich zu merken, dass er daran überhaupt nichts komisch finden konnte.

„Oder vielleicht nen netten vierwöchigen Urlaub in der Südsee.“ Vergeblich versuchte Müller, den Grund seiner Erheiterung durch ein anderes Beispiel zu verdeutlichen.

„Aber er kann die Sachen doch nicht finden oder?“, wollte Schneider wissen und wirkte dabei sehr ernst. Müller blieb das Lachen im Halse stecken. Energisch schüttelte er den Kopf: „Keine Chance! Bin doch Profi.“

Diese Auskunft befriedigte Schneider sichtlich, denn sie passte zu dem neuen Entschluss, den er gerade gefasst hatte: „Dann vergessen wir das Zeug und verschwinden einfach.“

„Geht nicht“, widersprach Müller.

„Wieso nicht?“, wollte Schneider wissen, „wenn’s niemand findet.“

„Mann, ich hab dafür unterschrieben. Ich hafte dafür“, stieß Müller heftig hervor. Mit dieser scheinbar so einfachen Lösung konnte er sich überhaupt nicht anfreunden.

„Dann haben wir das Zeug eben irgendwie verloren; im Einsatz“, versuchte Schneider eine Brücke zu bauen.

Aber auch diese Idee missfiel Müller: „Macht sich super in der Leistungsbeurteilung. Hättest du besser aufgepasst.“

Über diesen Punkt wollte Schneider jetzt nicht streiten. Statt dessen suchte er angestrengt nach einem für beide annehmbaren Ausweg. Wieder biss er sich dabei in die Hautfalte zwischen Daumen und Zeigefinger.

„Wir teilen es uns. Ja?“, war seine nächste Variante. „Jeder zahlt die Hälfe. Ich dreh das mit der Beschaffung.“

„Nicht drin“, verneinte Müller kopfschüttelnd, „komme so schon kaum noch rum; wegen meinem Häuschen.“ Dagegen konnte Schneider nichts einwenden. Auch für ihn wäre der Verlust von dreitausend Euro ein herber Einschnitt. Doch der Fehler war nun mal passiert und ihn zu vertuschen auf jeden Fall günstiger als eine Zurückstufung bei der nächsten Beförderung. Noch einmal wog Schneider die möglichen Nachteile gegeneinander ab und so als hätte sein Verstand dadurch einen beflügelnden Tritt erhalten, schoss ihm plötzlich ein neuer, befreiender Gedanke durch den Kopf.

„Hattest du nicht was von Pornos erzählt?“

Müller war einen Moment verwirrt. „In der Wohnung?“ fragte Schneider weiter.

„Ja stimmt. Jede Menge Videos und DVDs.“

Schneiders teuflisches Grinsen war wieder erwacht.

„Originale oder auch Selbstgebranntes?“

So genau hatte Müller gar nicht hingeschaut, aber der Computer stand ihm deutlich vor Augen: „Also in seinem Rechner steckt ein aktueller DVD-Brenner.“

„Bingo“, frohlockte Schneider, „Hol seine Daten aus dem Melderegister. Wir legen ne Akte an.“

„Okay“, bestätige Müller unsicher, da er immer noch nicht begriffen hatte.

Schneider neigte sich leicht zu ihm herüber und erläuterte mit leiser aber eindringlicher Stimme: „Er hat Kinder und sieht Pornos. In der kleinen Wohnung. Da kriegen die doch alles mit. Vielleicht tauscht er auch Bilder. Oder er macht sogar welche. Ganz bestimmt hat er ein paar raubkopierte Filme. Schreib ruhig erst mal Verdacht auf sexuellen Missbrauch; Zufallserfolg einer Überwachung im Rahmen der Terrorbekämpfung.“

„Und was bringt uns das?“, wollte Müller wissen.

„Damit setzen wir locker ne Durchsuchung durch, beschlagnahmen seine Computer und kriegen problemlos unser Zeug zurück.“

Ein erleichtertes Lächeln schlich sich auf Müllers Gesicht, verflog jedoch gleich wieder: „Und wenn die Kollegen merken, dass wir das nur erfunden haben?“

Schneider genoss die Vorstellung, mit welch kalter Präzision sein jüngster Plan funktionieren würde. Jetzt konnte er selbst sich ein Kichern kaum verkneifen, als er Müller fragte: „Mal angenommen wir kassieren deinen Rechner, werten die Festplatte aus, holen uns dazu noch deine Verbindungsdaten der letzten sechs Monate. Glaubst du, wir würden nicht irgendwas gesetzwidriges finden?“

Müller blickte kurz betreten nach unten. „Aber der arme Kerl?“

Lächelnd breitete Schneider die Hände zu einer Unschuldsgeste aus: „So etwas nennt man Schicksal. Außerdem, wenn er wirklich nichts zu verbergen hat, kann ihm doch gar nichts passieren, oder?“

 

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