2. Platz Deutscher Kurzkrimi-Preis Tatort Eifel

„Mordszauber - Verbrechen in der märchenhaften Eifel“

So lautete die Vorgabe für den Wettbewerbsbeitrag zum Deutschen Kurzkrimi-Preis 2011. Die Länge sollte zwischen zwei und fünf Normseiten liegen. Buchstäblich am allerletzten Tag habe ich die Geschichte mit dem Titel Ortsrandlage in die Eifel geschickt und zu meiner großen Freude landete sie auf dem zweiten Platz.

Herzlichen Glückwunsch an ext. Melanie Raabe, die für Die Zahnfee mit dem ersten Platz belohnt wurde, und Wolfgang Quest dessen Doppelfalle den dritten Platz erreichte, sowie an die Nominierten ext. Paul Pfeffer für Jonas, ext. Andrea Revers für Schlechte Gewohnheiten und Lothar Wirtz für Magische Eifel.

Am Vorabend der Preisverleihung fand im ext. Forum Daun eine gemeinsame Lesung statt, prominent erweitert durch ext. Jacques Berndorf und ext. Guido M. Breuer und souverän moderiert von ext. Ralf Kramp. Mir hat sie sehr viel Spaß gemacht und dem Publikum anscheinend auch.

Erschienen sind die Kurzgeschichten beim ext. KBV-Verlag unter dem Titel ext. Tatort Eifel 3. Auch erhältlich über ext. Amazon, ext. Weltbild oder am besten in Ihrer Lieblingsbuchhandlung.

Vielen, vielen Dank an

 

Und jetzt die Geschichte selbst:

Ortsrandlage (Titel)

von Malte Landsberger

03.04.2010

Zweiter Tag unserer Osterwochenend–Tour. Von Wittlich nach Daun geradelt; ausschließlich auf einer früheren Bahnstrecke. Traumhaftes Wetter. Überall blühende Sträucher. Kaum Steigung, die Kurven weit geschwungen, der Asphalt glatt. Man gleitet förmlich dahin. Trotzdem bei meinem Schatz die Sattelstütze gebrochen. Material wird auch immer schlechter. Habe ihr gesagt, dass wir wohl einen Teil ihrer Verpflegung einsparen sollten. Fand sie nicht so komisch, glaub ich. Dabei ist sie doch ganz schlank. Zum Glück gab's in Gillenfeld Ersatz. Haben uns noch einen Kaffee gegönnt und sind dann wieder los. Vom Viadukt aus den Sonnenuntergang über Daun betrachtet. Dort nettes kleines Hotelzimmer genommen.

04.04.2010

Heute richtig die Pedale strapaziert. Die 22 Kilometer ausgewiesener Radwanderweg nach Gerolstein schienen uns keine richtige Herausforderung. Deshalb andere Route gesucht. Meist Waldwege, aber auch durch schöne kleine Dörfer. Natürlich dabei verfahren, trotz Karte und Navi. Etwas außerhalb einer kleinen Gemeinde nördlich von Gerolstein wunderschönes Holzhäuschen entdeckt. Könnte nur einen neuen Anstrich brauchen. Steht anscheinend schon eine Weile leer. Dort unsere mitgebrachten Brote gegessen; davon geträumt in dieser Ruhe und Abgeschiedenheit zu wohnen. Viele Fotos gemacht.

 

07.05.2010

Wieder ewig im Büro hängen geblieben. Immer neue Änderungswünsche vom Kunden. Da weiß keiner was er wirklich will. Unglaublich, dass solche Leute Entscheidungen treffen dürfen. Lange mache ich das nicht mehr mit.

23.06.2010

Muss immer wieder an dieses Häuschen denken. Am liebsten würde ich alles hinschmeißen und dort hin ziehen. Mein Schatz weiß, wie down ich zur Zeit bin. Sie hat allen Ernstes vorgeschlagen, dass wir uns die Ecke noch mal ansehen. Man könnte es ja zuerst als Fluchtburg an Wochenenden nutzen.

13.08.2010

Heute unterschrieben. Ging alles wahnsinnig schnell und war sensationell günstig. Haus stand seit langem zum Verkauf. Gehörte einer alten Dame, die es aber nur vermietet hat. Nach ihrem Tod wollten die Erben es so schnell wie möglich los werden, aber die Lage war wohl nicht so gefragt. Ausnahmsweise mal Glück gehabt.

18.09.2010

Vierzehn Tage Urlaub. Endlich! Kein Handy, kein Telefon. Unser neues Domizil mit Campingmöbeln wohnlich gemacht. Als wir ankamen ziemlicher Gestank durch vergammelte Matratzen und Decken. Alles rausgeworfen und gut durchgelüftet. Jetzt nur noch entspannen, schmökern, gut essen und ausschlafen, vor allem ausschlafen. Auf der Herfahrt in der Nähe einige vielversprechende Restaurants ausgemacht. Vielleicht grillen wir auch hin und wieder; mal sehen.

19.09.2010

Unruhige Nacht gehabt. Bin gut eingeschlafen; war müde nach der Fahrt, dazu die gute Luft. Aber dann kurz nach eins aufgewacht. Über uns Schritte gehört. Als ob da einer hin und her schlurft. Bin sofort aus dem Bett, mit der Lampe über die Holztreppe nach oben gestürmt. Aber da war nichts. Ins Dachgeschoss kam ich nicht. Keine Leiter da. Mein Schatz verstört, wollte wissen, warum ich so herum poltere. Hab ihr von den Schritten erzählt. Sie sagt, ich bin die Einsamkeit eben nicht gewohnt. Um vier Uhr das gleiche Spiel. Danach nur noch herumgewälzt. Mein Schatz dagegen hat geschlafen wie ein Engel.

21.09.2010

Zwei Tage lang das ganze Haus auf den Kopf gestellt. Extra Leiter für den Dachboden organisiert. Alle Türschlösser und Fenster kontrolliert. Keine Spur eines Einbruchs. Und doch läuft hier nachts einer rum. Höre ihn ganz deutlich. Schlafe überhaupt nicht mehr. Liege nur noch da und warte, bis es wieder los geht. An Erholung nicht zu denken. Im Gegenteil, bin am Ende meiner Kräfte. Schrecke inzwischen auch tagsüber beim kleinsten Geräusch hoch. Mein Schatz versucht mich zu beruhigen. Sie meint, entweder ich bilde mir die Schritte nur ein, oder es gibt eine ganz harmlose Erklärung. Bin sicher, dass da jemand ist. Jede Nacht!

22.09.2010

Ha! Kurz nach Mitternacht meinen Schatz wachgerüttelt. Jetzt hat sie es endlich auch gehört. Wieder alles abgesucht. Nichts gefunden. Sie meint, das hört sich gar nicht nach Schritten an. Aber es ist keine Einbildung. Das steht jetzt wenigstens fest. Haben uns ganz eng aneinander gekuschelt. Endlich mal wieder zwei, drei Stunden geschlafen.

In der Wirtschaft am Markplatz gutbürgerlich zu Mittag gegessen. Ganz behutsam zwei Einheimische am Nachbartisch gefragt wegen der Geräusche. Die meinten, das könnten Siebenschläfer sein. Nagetiere, etwas kleiner als Eichhörnchen, klettern sehr gut, kommen überall rein und sind nachtaktiv. Wusste gar nicht, dass es die in Wirklichkeit gibt. Mein Schatz kennt sie. Sehen sehr süß aus, sagt sie, Fellknäule mit großen, dunklen Kopfaugen. Egal. Die Viecher müssen weg. Sonst werde ich noch wahnsinnig. Gleich nach dem Essen in den Kramladen hier im Ort. Wollte zehn Rattenfallen, die mit dem Bügel, zack und hin. Aber mein Schatz hat aufgeschrien. Siebenschläfer stehen unter Naturschutz und wie ich so grausam sein könnte zu so einem putzigen Geschöpf. Also Lebendfallen gekauft, für den fünffachen Preis. Eigentlich Schwachsinn. Am Abend aufgestellt, mit Banane als Köder. Gilt als Geheimtipp für die Jagd auf Siebenschläfer.

23.09.2010

Gleich früh die Fallen kontrolliert. Natürlich Fehlanzeige. Dafür stinkts im ganzen Haus widerlich süßlich nach faulender Banane.

25.09.2010

Ausbeute nach zweieinhalb Jagdtagen: eine mickrige Hausmaus. Deren Trippelschritte sind selbst aus nächster Nähe kaum zu hören. Als Täter scheidet sie hundertprozentig aus. Anfangs war ich ja irgendwie erleichtert wegen der Erklärung mit dem Siebenschläfer, oder wie das Biest auch immer heißt. Aber richtig geglaubt hab ich's doch nie. Über uns geht nachts irgend jemand, der verdammt viel schwerer sein muss. Am Ende ist es einer aus dem Dorf, der noch einen Schlüssel hat und versucht uns zu vertreiben. Kann mir sein Grinsen richtig vorstellen.

27.09.2010

Wissen nicht mehr weiter. Mein Schatz ist inzwischen genauso verängstigt wie ich. Vielleicht sollten wir zur Polizei. Aber die lachen uns doch nur aus, die Zugezogenen, aus der Stadt. Besser wir wechseln in eine Pension, wenigstens vorübergehend. Als ich das heute vorschlug, hat mir mein Schatz so einen flehenden Blick zugeworfen. Wäre ihr sicher am liebsten. Doch dann wäre das Haus für uns erledigt, dann kämen wir garantiert nicht zurück. Nein, noch gebe ich nicht auf. Ganz egal wer uns da terrorisiert, heute Nacht sollen sie mich kennen lernen. Neben dem Brennholzlager im Keller das Notwendige entdeckt.

 

noch 27.09.2010 und Nachträge

Fällt mir immer noch schwer darüber zu berichten.

Bin ganz normal zu Bett gegangen. Hab mich aber gleich wieder angezogen, nachdem mein Schatz eingeschlafen war. Gegen 23:30 Uhr erste Geräusche. Diesmal ganz leise nach oben geschlichen. Mit der schweren Spaltaxt in der Hand ziemlich sicher gefühlt. Erstes Zimmer lag still und einsam. Aber aus dem zweiten hörte ich ein Schaben und Kratzen. Langsam die angelehnte Tür aufgedrückt. Niemand zu sehen. Aber das Kratzen. Sie sind hinter der Wand. Widerliche Plagegeister. Ich holte mit der Axt aus und ließ sie krachend auf die Eichenholzverkleidung niedersausen. Splitter flogen mir entgegen. Wie besessen schlug ich immer wieder zu. Zwischendurch zerrte ich an den Paneelen. Meinen Schatz hinter mir erst bemerkt, als sie versuchte, mich zurück zu reißen. Um Gottes willen, lass das, hat sie geschrien. Hab sie wohl ein bisschen geschubst und dann weiter zugeschlagen. Jetzt würde jemand bereuen, dass er mir die so dringend benötigte Erholung geraubt hat. Endlich großes Stück rausgebrochen und mich durch die Dämmwolle gewühlt. Jetzt bestialischer Gestank. Kriegte etwas zu fassen. Fühlte sich starr an. Starr vor Angst, dachte ich noch, während ich zog. Ziemlich schwer. Wusste doch, es musste was größeres sein. Licht her. Gleich wieder losgelassen. Ein Fuß, ein ganzes Bein. Menschlich! Aber schwarzbraun und irgendwie eingetrocknet, zwei Fußnägel sind mir in der Hand geblieben. Meinen Schatz gepackt und mit ihr, so wie sie war, im Nachthemd und ohne Pantoffeln, auf die Straße gerannt. Laut bei Nachbarn um Hilfe gerufen.

Sind nie mehr zurückgekehrt. Polizei und Feuerwehr waren so nett unsere paar Sachen für uns rauszustellen. Insgesamt haben sie wohl Teile von mindestens sechs Frauen gefunden. Auch im Garten. Suchen deshalb nach den letzten Mietern. Einen haben sie besonders im Verdacht. Hat irgendwelche astrologischen Lebensberatungen per Internet gemacht, als Madame Charolais. War aber eigentlich gelernter Fleischerei-Fachverkäufer

Der Lärm kam hoffentlich doch von diesen Kleinnagern. Haben aber nie einen zu Gesicht bekommen.

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