423 Geschichten wurden 2013 in die Eifel geschickt, um den  ext.Deutschen Kurzkrimi-Preis  zu erringen. Rekordbeteiligung. Auch wir haben uns vom Thema „Auf der Suche“ inspirieren lassen und hatten beim Schreiben einen Mordsspaß.

Kondolenz

von Dagmar und Malte Landsberger

Es fiel ihm sichtlich schwer, die Hand zu heben und auf den Klingelknopf zu drücken. Schon gute fünf Minuten stand er da im abendlichen Dämmerlicht vor dem Eingang der Jugendstilvilla und starrte auf das Graubraun der noch nackten Stauden im Vorgarten. Ein wenig Geduld musste man mit dem Frühling in der Eifel fast immer haben. Aber dieses Jahr schien er sich überhaupt nicht einstellen zu wollen.

Günther fröstelte in seiner leichten Hausjacke. Leichtfertig ohne Mantel aufgebrochen zu sein. Aber es waren ja nur wenige Schritte von seiner Haustür bis hierher, und er hätte nicht gedacht, dass der Besuch ihn so viel Überwindung kosten würde.

Endlich gab er sich einen Ruck, drückte auf den Knopf inmitten des polierten Messingschildes und hörte von innen den Gong. Jetzt konnte er nicht mehr zurück. Nervös trat er von einem Fuß auf den anderen. Fast wäre ihm die Weinflasche entglitten, die er bei sich trug. Obwohl er nun schon mehr als zwei Jahrzehnte in der gleichen Straße in Schalkenmehren wohnte, war er erst drei oder vier Mal bei seinen Nachbarn Heinrich und Almtrud Buchholtz zu Besuch gewesen. Man hatte sich gelegentlich im Garten gesehen, freundlich gegrüßt, sich über den Zaun hinweg belanglos unterhalten. Dabei waren Almtrud und er sogar drei Jahre gemeinsam in Daun zur Schule gegangen.

Das Licht in der Eingangshalle flammte auf. Günther sah den strahlenden Kronleuchter durch das fein geätzte Muster in der Glasscheibe der Haustür. Wie erwartet öffnete der Hausherr. Ein hochgewachsener Mann, Ende vierzig, der trotz leichtem Bauchansatz und schwindender Haarpracht immer noch als Frauenschwarm durchging. Er lächelte, als er seinen Gast erkannte und streckte ihm die Hand zum Gruß hin: „Guten Abend, Günther.“

Günther beeilte sich zuzugreifen. Nur ja keine Reserviertheit spüren lassen:

„Guten Abend, Heinrich. Hätte ich vorher anrufen sollen?“

„Nein, nein. Komm rein. Ich freue mich über deinen Besuch. Hast du deine charmante Frau nicht mitgebracht?“

Nein. Inge war für einige Tage zu ihrer Schwester gefahren. Sie hatte geschworen, nie mehr einen Fuß in dieses Haus zu setzen. Selbst den Blick in diese Richtung mied sie, obwohl es das prachtvollste Anwesen weit und breit war.

„Inge konnte leider nicht mitkommen. Ihre Schwester in Bonn ist krank und sie hilft im Haushalt.“

„Ja, Gesundheit ist nicht selbstverständlich“, sinnierte Heinrich, zum Glück ohne weiter nachzubohren. Er führte seinen Gast in ein kleines aber gediegen eingerichtetes Empfangszimmer, wo ein Panoramafenster einen eindrucksvollen Ausblick auf das Schalkenmehrener Maar gewährte.

Günther war von der Ausstattung überrascht. Er hatte die Räume völlig anders in Erinnerung. Tapeten mit kreischenden Mustern. Verspielte Designermöbel aus Draht oder monochromen Kunststoffen. Abstrakte Skulpturen, wirre Gemälde. Vielleicht nicht gerade gemütlich, aber auf jeden Fall sehenswert. Almtrud war eine Kunstsammlerin und Mäzenin gewesen, hatte große Beträge aus dem väterlichen Vermögen in moderne Klassiker und aufstrebende Talente investiert. Im Grunde war das Haus mehr Museum als wohnliches Heim gewesen.

Heinrich hatte Günthers erstaunte Blicke bemerkt: „Ich hab' mich von allem getrennt. Jedes Stück erinnerte mich zu sehr an sie. Wie oft hat Almtrud mir freudestrahlend die neueste Eroberung vorgeführt. Das ging einfach nicht mehr.“

Heinrich wies auf einen der wuchtigen Ledersessel und sie setzen sich.

„Das verstehe ich sehr gut“, meinte Günther und überlegte unwillkürlich, was er wohl mit Inges Gartenzwergen anstellen würde.

„Sollen wir die öffnen?“, fragte Heinrich. Günther hielt immer noch seine Flasche in der Hand.

„Was? Oh ja. Deshalb hab' ich ihn mitgebracht. Von der Mosel. Hoffe er taugt was.“

Eigentlich hatte er gehofft, die Flasche zu überreichen und sich bereits in der Tür wieder zu verabschieden. Heinrich erhob sich, holte Gläser, entkorkte den Weißwein und schenkte ein. Sie tranken, Heinrich nickte, wie um die Qualität des Tropfens zu bestätigen und stellte dann verbittert fest: „Außerdem waren die verdammten Kunstwerke Schuld an ihrem Tod.“

So lautete zumindest die in den Tageszeitungen verbreitete Theorie der Polizei. Die Ermittler gingen davon aus, dass Diebe ins Haus eingedrungen waren. Almtrud musste sie überrascht haben und war dann von ihnen erschlagen worden. Die Täter hatten die Leiche im Saunabereich im Untergeschoss abgelegt und ihren Beutezug danach eiskalt durchgezogen. Günther wunderte sich nicht, dass Inge sich vor diesem Ort so sehr fürchtete. Von großen Blutlachen hatte man gemunkelt. Das Gesicht des Opfers soll durch die Gewalteinwirkung völlig entstellt gewesen sein.

„Ja, man sollte heute wirklich nichts Wertvolles mehr im Haus haben“, bestätigte Günther: „Schlimm, dass Menschen anderen so etwas antun.“

„Wenn wir wenigstens eine Alarmanlage gehabt hätten“, seufzte Heinrich: „Wie oft habe ich ihr das gesagt. Sie hat immer nur gelacht. Mit moderner Kunst kann sowieso keiner was anfangen, hat sie gesagt. Anscheinend doch.“

„Und was sagt die Polizei? Haben die schon einen Verdacht?“, wollte Günther wissen. Heinrich schüttelte den Kopf: „Da kommen so viele in Frage. Es waren ja ständig irgendwelche fremden Leute zu Besuch, Künstler und Möchtegernkünstler und Bewunderer von überall her.“

„Und niemand hat irgendetwas beobachtet?“

„Anscheinend nicht. Die Polizei hat euch doch auch befragt, Inge und dich?“

„Natürlich. Inge hat nichts gesehen und nichts gehört. Dabei sind es höchstens 50 Meter Luftlinie zwischen unseren Häusern.“

Günther meinte, den Hauch eines Lächelns auf Heinrichs Gesicht wahrgenommen zu haben. Aber vielleicht hatte er sich auch getäuscht. Heinrich griff nach seinem Weinglas: „Das war Profiarbeit. Wahrscheinlich hätte da nicht mal eine Alarmanlage geholfen.“

„Wahrscheinlich nicht“, stimmte Günther ihm zu, „die haben ja wohl auch aufgepasst, dass du nicht zu Hause warst.“

„Na, das war auch kein Kunststück. In den letzten Monaten war ich doch ständig geschäftlich unterwegs. Trier, Koblenz, Köln, manchmal bis nach Hamburg.“

„Stimmt du warst oft weg. Hat Almtrud sich denn gar nicht geängstigt? Wenn es dunkel wurde, allein in dem großen Haus?“

Heinrich zögerte einen Moment und schüttelte dann unsicher den Kopf: „Hat sie glaub ich nicht. Jedenfalls hat sie mir nie was davon gesagt.“

„So, dir nicht? Mir schon“, widersprach Günther mit durchaus kampflustigem Unterton. Heinrich blieb gelassen: „Wann soll sie dir das denn erzählt haben?“

„Wenn ich bei ihr war.“

„Du warst bei ihr, wann?“

„Oft. Eigentlich immer. Sobald du auf deinen Reisen warst.“

Heinrich wirkte mehr verwirrt, als erzürnt: „Was willst du mir eigentlich sagen? Dass du was mit Almtrud hattest? Du?“

„Sie war einsam“, versuchte Günther zu erklären und ärgerte sich sogleich über die darin enthaltene Selbstherabsetzung: „Mit mir konnte sie reden. Auch über ihre Kunst. Du hast dich doch immer nur lustig gemacht.“

„Also hast du dich auch eingeschleimt. So wie die anderen Schmarotzer mit ihrer Kunstmasche. Na, ein bisschen mehr Geschmack hätte ich Almtrud doch zugetraut.“

„Bei Kunst vielleicht, aber nicht bei der Auswahl ihrer Männer.“

Jetzt grinste Heinrich überlegen: „Du musst es ja wissen.“

„Ich weiß es. Ich war da.“

„Wann?“

„An dem Abend, als du sie umgebracht hast.“

Das Grinsen schwand aus Heinrichs Gesicht so schnell wie es gekommen war. Günther blickte ihn eindringlich an: „Ich wollte gerade gehen, da hörte ich die Kellertür. Ich hab' mich neben der Garderobe in der Halle versteckt und dich genau erkannt. Wenn ich gewusst hätte, was du vor hast ...“

Heinrich erhob sich, ging zum Fenster und starrte hinaus: „Du willst mich also gesehen haben. Und warum erzählst du mir das? Geh doch zu Polizei.“

„Ich dachte, dass uns da vielleicht noch eine bessere Lösung einfällt.“

Heinrich drehte sich ruckartig um und ging drohend auf Günther zu, der sich immer tiefer in seinen Sessel drückte.

„So einer bist du also. Nicht nur Schmarotzer, sondern auch Erpresser.“

Heinrich kam mit seinem Gesicht ganz nah. Günther rollte sich zur Seite, um über die Lehne zu hechten, doch er war nicht schnell genug. Blitzartig hatte Heinrich sich gebückt, das Kabel der Stehlampe ergriffen und es Günther um den Hals geschlungen. Zum Äußersten entschlossen zog er zu. Hilflos ruderte Günther mit den Armen in der Luft. Er bekam den Körper seines Gegners nicht zu fassen. Das Blut pulsierte in den abgeschnürten Halsschlagadern. Sein Brustkorb spannte sich. Er rang nach Luft, bis ihm schwarz vor Augen wurde.

 

Als er wieder zu sich kam, war der Raum von Stimmengewirr erfüllt. Durch geborstene Fensterscheiben wehte eisige Nachtluft herein. Ein Mann in einer orangeroten Jacke betastete seinen Hals. Jemand in einer blauen Polizeiuniform fragte besorgt: „Haben wir's noch rechtzeitig geschafft?“ Die Stimme kam Günther bekannt vor.

„Ja, er atmet“, bestätigte der Notarzt.

Günther fühlte ein einen spitzen Schmerz auf seiner Brust. Der Polizist riss ohne größeres Feingefühl die Pflasterstreifen herunter, mit denen das Funkmikrofon befestigt war. Günther hob eine Hand, um ihn davon abzubringen, doch die Geste wurde missverstanden. „Lass nur, ich mach das schon. Mensch Günther, das war großartig. Ohne dich hätten wir den nie überführt. Du hättst wirklich einen Orden verdient.“

Günther versuchte etwas zu sagen, musste aber sofort würgen. Der Andere war ohnehin nicht zu bremsen: „Ich hätte ja nie gedacht, dass er dir das abkauft. Du und Almtrud. Die ehemalige Miss Eifel-Lava und der stinkbrave Bankbuchhalter. Mann, Mann, Mann. So viel Einsatz für ne Klassenkameradin, die dich im Leben mit dem Arsch nicht angeguckt hat. Gib schon zu, du warst in sie verschossen damals. Das haben wir uns doch alle gedacht.“

Günther nahm seine ganze Kraft zusammen, erwischte die Jacke des Polizisten und zog ihn zu sich herunter. Mühsam krächzte er:

„Wenn ihr das nächste Mal 'n Dummen braucht, sucht euch einen anderen.“

 

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