Jäger und Taucher

von Malte Landsberger

28. Mit 28 setze ich mich zur Ruhe. Andere Männer träumen davon mit 50, 55 oder sogar erst mit 60. Arme Irre. Ich steige jetzt aus. Nicht als Penner. Die ausgefranste Jeans, der schäbige Parka und der Treckingrucksack sind nur Tarnung. Eigentlich bin ich eher so etwas wie eine Bank. Meine eigene Bank. Auf meinem rechten Fußrücken klebt ein Speicherchip. Darauf sind die Zugangscodes zu mehr als sechzig Bankkonten auf denen zusammen plus minus 85 Millionen Dollar lagern. Schön verteilt, überall auf dieser weiten Welt, Singapur, Uruguay, Kaiman-Inseln. Einige Depots werden sie aufspüren. Sollen sie sogar. Und dann dort nach mir suchen. Dabei bin ich gar nicht nach Übersee gejettet. Sondern einfach in Paris in den Zug gestiegen. Über Saarbrücken nach Wittlich. Und von dort mit dem Taxi hierher. Mit verschiedenen Taxen, um genau zu sein. Wir wollen es den Verfolgern ja nicht zu einfach machen. Und verfolgen werden sie mich, ganz bestimmt.

Jetzt laufe ich schon seit zwei Stunden, mal bergauf, mal bergab durch den dichtesten Wald, den ich je gesehen habe. Richtig düster hier drin, obwohl über den Wipfeln immer noch eine kräftige Septembersonne strahlt. Die Eifel kenne ich aus meiner Jugend. Meine Eltern schwärmten regelrecht dafür. Ich fand’s immer öde. Heute kommt mir das gerade recht.

Da vorne ist die Hütte. Kaum zu sehen hinter all dem Gestrüpp. Hier werde ich die nächsten Wochen verbringen; bei kalten Konserven, Brot und Wasser. Feuer kann ich kein’s machen. Es könnte mich verraten. Vor zwei Monaten habe ich den alten Schuppen entdeckt. Weiß der Teufel wozu der mal diente. Jedenfalls war schon seit Ewigkeiten kein Mensch mehr hier. Vom Dach ist nicht gerade viel übrig. Aber mit zwei Streben und ner Plastikplane geht es schon. Dann nur noch ein neues Vorhängeschloss angebracht und reichlich Proviant heran geschleppt. Wird schon eine Umgewöhnung sein, nach sechs Jahren Paris. Aber es ist ja nur vorübergehend.

»Hallo Thomas.«

Rechts neben mir, keine vier Meter entfernt, stand ein hochgewachsener Mann in einer schwarzen Lederjacke. Keine Ahnung wo er her kam. Er wirkte völlig ruhig, lächelte sogar. Ich dagegen war geschockt, zitterte und brachte kein einziges Wort hervor. Hinter mir knackte es. Ich fuhr herum und blickte auf einen heranrollenden Fleischberg, ebenfalls in eine Lederjacke verpackt. Ich konnte gerade noch erkennen, dass er einen abgerissenen Ast schwang, da traf er mich schon damit an der Schläfe. Mir wurde schwarz vor Augen. Ich taumelte zurück, fiel auf meinen Hintern und rollte auf die Seite.

»Arret! Cela suffit.«

Jemand packte mich an der Vorderseite meines Parka, zog mich rückwärts über den schlammigen Waldboden und lehnte mich dann gegen irgend etwas Hartes. Grobe Hände fesselten meine Hand- und Fußgelenke mit Kabelbindern.

»Unser Freund muss doch erst noch seine Lektion lernen.«

Meine Schädelwand brannte und klopfte unerträglich. Vorsichtig öffnete ich die Augen. Der hochgewachsene Typ stand jetzt vor mir und musterte mich aus kleinen, unfreundlichen Augen.

»Monsieur Tennant beschäftigt viele freche kleine Bübchen wie dich, Thomas. Sie wickeln seine, wie wollen wir sie nennen? Seine unkonventionellen Geldgeschäfte ab. Und er kann trotzdem ruhig schlafen. Denn er hat uns beide, Jean und mich.«

Mit einem knappen Blick deutete er auf den Fleischberg.

»Thomas, du glaubst gar nicht, wie viele von den Bübchen auf die völlig kranke Idee kommen, sie könnten daraus einen Selbstbedienungsladen machen. Dann sorgen wir dafür, dass jeder einzelne Cent zu Monsieur Tennant zurückkommt. Nur für das Bübchen hat der Mann dann leider keine Verwendung mehr. Ihm reicht es, wenn wir ihm einen Finger bringen.«

»Wartet«, nuschelte ich. Meine Gesichtshälfte war so angeschwollen, dass ich kaum den Kiefer bewegen konnte.

»Wartet, ich habe Geld. Viel Geld.«

Milde lächelnd korrigierte mich mein Gegenüber: »Du hattest Geld.« Mit geübten Fingern begann er meine Taschen zu durchsuchen und keine fünf Minuten später hatte er mein brillantes Versteck entdeckt. Schonungslos riss er den Klebestreifen zusammen mit dem Chip und einer Unzahl kleiner Haare von meiner Fußhaut. Dann nickte er seinem Partner zu: »Jean, jetzt gehört er dir.«

Darauf schien der Fleischberg nur gewartet zu haben. Er ließ sich zu mir auf die Knie herab, zeigte mir mit einem sadistischen Grinsen seine riesigen Pranken und legte sie mir um den Hals. Ganz langsam begann er zuzudrücken. Ich spürte das Pulsieren meiner Halsschlagadern und wie der Kehlkopf sich der Verformung widersetzte. Doch plötzlich schwand die Kraft aus den wulstigen Fingern, die mir die Luft raubten. Die bulligen Gesichtszüge des Fleischbergs erschlafften, seine Augen wurden ausdruckslos. Das Monster sackte auf mir zusammen.

»Verdammt noch mal, Wig, zieh ihn runter. Sonst erstickt er mich doch noch«, schrie ich angewidert.

Der hochgewachsene Mann bückte sich und zerrte an dem warmen, schwabbeligen Toten, bis ich mich frei gerobbt hatte. Sofort hielt ich meine gefesselten Hände hoch. Wig hatte verstanden. Fast behutsam zog er das Messer aus dem Rücken seines ehemaligen Kollegen. Sorgfältig wischte er das Blut an dessen Hose ab und besah sich die ungleichmäßig glänzende, bestimmt fünfundzwanzig Zentimeter lange Klinge aus mehrfach gefaltetem Stahl.

»Ideal für die Zubereitung von Fleischgerichten. Eigentlich sollten sie dafür nen Waffenschein verlangen«, meinte er, bevor er mit zwei entschlossenen Schnitten die Kabelbinder durchtrennte. Ich war echt froh, dass er mir dabei nicht eine Hand abgesäbelt hat, aus Versehen. Vorsichtig tastete ich über meine linke Kopfseite. Die Beule war so groß wie ein Hühnerei, aber zumindest schien die Haut nicht aufgeplatzt zu sein. Trotzdem war ich froh, dass es in weitem Umkreis keinen Spiegel gab.

»Hättest du ihn nicht davon abhalten können?«

Wig schüttelte den Kopf.

»Dann hätt’ er am Ende noch was gemerkt. So ist er doch ganz friedlich von uns gegangen.«

Meine Jäger waren in einem Geländewagen gekommen, und zu dem zogen wir jetzt den toten Jean. Ihn auf die Ladefläche zu heben, war ein Kraftakt der besonderen Art, bei dem wir unter anderem einen Spanngurt zu Hilfe nahmen. Mit einer Seilwinde wäre es viel einfacher gewesen, aber zu unserem Leidwesen, war das Fahrzeug nicht damit ausgerüstet. Als der Fleischberg endlich drinnen lag, tarnten wir ihn mit leeren Müllsäcken und verriegelten die Türen. Wir schlenderten zur Hütte zurück und verwischten dabei die Schleifspuren ohne uns allzu große Mühe zu geben.

Irgendwie war mir nach Feiern zu Mute. Aus der Hütte holte ich eine Campinglaterne, hängte sie an den tiefsten Zweig einer Fichte und baute darunter ein Buffet auf; Fischkonserven, Trockenwurst, abgepacktes Brot und einige Flaschen alkoholfreies Bier. Da saßen wir dann eine Weile und stellten uns den Sonnenuntergang vor, den wir durch die dichte Vegetation gar nicht sehen konnten. Wir merkten nur, wie das Licht langsam schwand und die Luft sich abkühlte.

Eigentlich hätte ich Gewissensbisse haben müssen. Oder doch nicht? Ich hatte Jean nicht getötet. Er wollte mich töten und sogar seinen Spaß damit haben. Dagegen hatte ich eine Versicherung abgeschlossen mit Wig. Würde mich die Hälfte meines neuen Reichtums kosten. Dumm gelaufen für Jean.

Während ich mich entspannte, war Wig eher unruhig und drängte ständig zum Aufbruch. Äußerst nervig. Aber gut, wir mussten Jean endgültig los werden. Wir, das heißt in erster Linie ich, räumten die Reste unseres Festmahls zusammen und brachten alles in die Hütte zurück. Wenn wir hier die nächsten Wochen friedlich zusammen leben wollten, würde sich garantiert noch einiges ändern müssen.

Im Auto saßen wir stumm nebeneinander. Etwa drei Kilometer holperten wir über einen Waldweg umgeben von schwärzester Finsternis; dann folgte eine schmale, kurvenreiche Straße. Ich war froh, dass ich nicht fahren musste. Wig schien genau zu wissen, wo er hin wollte. Er benutzte nicht einmal das eingebaute Navigationssystem. Seine Sicherheit wirkte beruhigend auf mich. Anscheinend war mein Nervenkostüm doch angespannter, als ich es mir eingestehen wollte. Dennoch erlebte ich einen wundervollen Moment, der lange vergessene Kindheitstage wach rief. Vor uns, am klaren Nachthimmel über einer weiten Hochebene ging ein fast runder, orangegelber Mond auf und überzog Wiesen und Felder mit mattem, rötlichem Schein.

Für einen Moment wurde ich wirklich wehmütig, bis ich begriff, dass vor mir ja die Freiheit lag, so viele Mond- und Sonnenaufgänge zu beobachten, wie ich nur wollte. Ich würde nie mehr arbeiten müssen und konnte mir unendlich viele Wünsche erfüllen. Wir mussten nur noch Jean verschwinden lassen.

»N paar Wolken wären besser«, brummelte Wig, dem der Sinn offensichtlich nicht nach Romantik stand: »Ist ja die reinste Festbeleuchtung.«

»Wo fahren wir eigentlich hin?« Diesen Teil des Planes hatte ich ganz ihm überlassen. Aber ich fand, dass Wig mir langsam auch ein paar Einzelheiten erzählen könnte. Zu meiner Überraschung begann er wie ein Wasserfall zu reden. Er wollte Jeans Leiche in einem kleinen See versenken, von denen es hier viele gab. Alles frühere Vulkankrater, die sich mit Wasser gefüllt hatten. Aber manche von ihnen waren kaum zwei Meter tief, andere über fünfzig. Voller Stolz berichtete er, wie genau er die Eigenschaften der Seen miteinander verglichen hatte. Unserer war einer der tiefsten und lag zugleich völlig abgeschieden.

Wig fuhr den Geländewagen rückwärts bis fast ans Ufer und schaltete den Motor aus. Als wir ausstiegen, war es dort wirklich totenstill. Nicht einmal ein Lufthauch rührte sich. Erst nach und nach erholten sich die Grillen vom Schreck unserer Anwesenheit und stimmten wieder ihr rhythmisches Schaben an.

Über uns funkelten die Sterne und es war hell genug, dass wir keine Taschenlampen brauchten. Den toten Jean aus dem Wagen plumpsen zu lassen war ganz leicht. Wig machte das alleine, wofür ich sehr dankbar war. Denn ich hatte das Gefühl, die Leiche riecht schon, obwohl das doch eigentlich gar nicht sein konnte, denn sie war noch nicht mal steif. Wahrscheinlich kam es eher vom Uferschlamm.

Ohne Wig hätte ich das sowieso alles nicht schaffen können. Man merkte, dass er im Umgang mit Toten geübt war, was man von mir als reinem Schreibtischmenschen definitiv nicht sagen konnte. Ich hätte Jean direkt vom Ufer aus ins Wasser geschubst und mich aus dem Staub gemacht. Wig dagegen schlug sich durchs dichte Riedgras und zog ein Boot heran, das sonst wohl von Anglern benutzt wurde. Jetzt musste ich doch wieder mithelfen, um Jean in den Kahn zu hieven. Eine verflixt wacklige Angelegenheit. Dann holte Wig noch eine Tasche und einen Plastikeimer aus dem Geländewagen. Der Eimer war voller rostiger Bolzen und faustgroßer Muttern und mörderisch schwer. Mit dem Altmetall stopfte er Jeans Klamotten aus, die Unterwäsche, die Hosentaschen, Jackentaschen, Socken; alles, wo man davon ausgehen konnte, dass der Schrott eine Weile drin bleibt. In dem Eimer war noch eine ganze Menge übrig, aber Wig meinte, das brauchen wir erst später.

So schwer beladen, dass der Bootsrand kaum mehr als zehn Zentimeter über die tiefschwarze, spiegelglatte Wasseroberfläche ragte, ruderten wir zur Mitte des Sees.

Es war wirklich eine traumhafte Nacht. Kühl aber noch nicht unangenehm kalt; der Mond, inzwischen silberhell strahlend, begleitete uns, während wir fast lautlos dahin glitten. Wie gerne hätte ich jetzt ein hübsches Mädchen an mich gedrückt, an ihrem Ohrläppchen geknabbert, ihr Zärtlichkeiten zugeflüstert. Statt dessen starrte ich auf einen unförmigen Leichnam, an dessen kalkweißem Kopf und Händen sich bereits Spuren unserer rohen Transportmethoden abzeichneten. Wig bremste das Boot mit den Rudern; Wasser spritzte glitzernd auf. Ich packte Jean an den Schultern und wollte ihn schnellstmöglich über Bord wälzten. Wig konnte mich gerade noch rechtzeitig davon abhalten. Fast hätte uns der Koloss zum Kentern gebracht. Statt dessen zog Wig ihn nun zentimeterweise an den Beinen Richtung Heck. Als die Füße des Toten im Wasser baumelten, kroch Wig seitlich neben mich und wir beide hoben und schoben den restlichen Körper weiter; ganz langsam und vorsichtig, damit wir nicht das Gleichgewicht verloren. Es platschte kaum hörbar, als Jean uns endlich verließ. Ich atmete erleichtert auf.

»Schau, ob er auch gut untergeht«, raunte Wig mir zu.

Ich lehnte mich über das Heck und blickte in die gestaltlose Tiefe. Von Jean war nichts mehr zu sehen. Gerade als ich die Bordwand losgelassen hatte und mich umdrehen wollte, um die erfolgreiche Versenkung zu bestätigen, erhielt ich plötzlich einen harten Stoß. Ich hatte keine Chance, mich noch irgendwo festzuhalten. Genauso hilflos wie der tote Jean ging ich über Bord. Mit dem Kopf voraus durchbrach ich die Wasseroberfläche. Schlagartig brannte meine Stirn, als ob die Haut weggerissen wäre; Druck legte sich auf meine Ohren und meine Brust. Ich glaube, ich habe noch kurz geschrien. Vielleicht habe ich es auch nur versucht. Jedenfalls kriegte ich Wasser in die Nase und den Mund. Kaltes Wasser, nicht eiskalt, aber kalt genug. Ich bin noch nie gerne geschwommen und so fehlte mir jede Übung. Dennoch breitete ich instinktiv die Arme aus und begann zu rudern. Zuerst in die falsche Richtung, nach unten statt nach oben. Anscheinend hatte ich mich überschlagen und dabei komplett die Orientierung verloren. Ziemlich rasch ging mir die Luft aus. Ich wurde immer panischer, wedelte und strampelte nur noch wild. Es war reiner Zufall, dass ich bei einer ziellosen Kopfbewegung kurz Spiegelungen des Mondlichts an den ringförmigen Wellen sah, die mein Sturz ausgelöst hatte. Dahin musste ich. Dort war Luft. Dort konnte ich atmen. Zwei, drei kräftige Stöße mit den Beinen ließen mich wie ein Korken nach oben schnellen. Nie zuvor war ich dem Ertrinken so nahe gewesen. Ich sog die frische Nachtluft ein, verschluckte mich, hustete, aber ich war gerettet. Das dachte ich Idiot jedenfalls im ersten Moment. Aber dann sah ich die lange, schmale Silhouette von Wig. Er stand aufrecht im Boot und hielt etwas in den Händen.

›Hilf mir raus‹, wollte ich ihm zurufen, aber die Worte blieben mir im Hals stecken. Der Gegenstand in seinen Händen war eine Harpune. Und sie war auf mich gerichtet.

»Wig, warte!«, konnte ich noch schreien, da drückte er schon ab. Der Einschlag des Geschosses war unglaublich hart. So musste es sich anfühlen, wenn man von einem LKW angefahren wurde. Seltsamerweise fühlte ich keinen Schmerz. Eigentlich spürte ich meinen Körper überhaupt nicht mehr. Ich war wie gelähmt und begann wieder unterzugehen. Doch an der Harpune war eine Leine befestigt. Wig zog daran. Die Widerhaken krallten sich in meinen Körper und lösten jetzt doch höllische Qualen aus.

Langsam bewegte ich mich auf das Boot zu. Ich versuchte etwas zu sagen, aber es wurde nur ein blasiges Gurgeln daraus.

Wig verstand mich nicht, schüttelte den Kopf und setzte sich wieder auf die Ruderbank. Er blickte nach unten und begann an irgend etwas im Boot herumzufingern. Ich konnte nicht sehen woran.

»Eigentlich war es nett von dir, Thomas, dass du mich beteiligen wolltest. Mich und nicht Jean. Sonst wäre ich jetzt wahrscheinlich schon da unten.« Der Anflug eines Schauderns mischte sich in seine Stimme. Dann lächelte er mich selbstzufrieden an: »Und jetzt teilst du doch alles mit Jean. Die letzte Ruhestätte und den Schrott hier.« Dabei hob er den Plastikeimer auf den Bootsrand, der auch mit halber Füllung noch sehr schwer wirkte. Am Bügel hatte er die Harpunenleine festgebunden. Ganz sicher mit den richtigen Knoten.

»Gute Ruhe«, wünschte er mir noch, bevor der den Eimer senkrecht in die Tiefe rauschen ließ.

Nicht einmal zwei Sekunden verstrichen, dann kam der unvermeidliche Ruck. Ich hatte keine Möglichkeit, noch Atem zu holen. Wozu auch? Immer schneller zog das Gewicht mich zum Grund des Sees. Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich nach oben, wo sanftes Mondlicht auf dem Wasser glitzerte. Die Umrisse des Bootes wurden kleiner. Aber ich konnte unschwer erkennen, wie Wig zum Ufer zurück ruderte. Er vergewisserte sich nicht, ob ich gut untergehe. Er verließ sich darauf, dass die Leine hielt. Und er hatte recht.

Ich meinte, in jedem Ruderschlag seine Zufriedenheit zu spüren. Dabei hatte er nichts gewonnen. Nur seinen Job verloren. Die Kontodaten auf meinem Speicherchip waren vollständig verschlüsselt; mit dem besten aller Kryptographie-Programme. Das Passwort war gerade auf dem Weg aus dieser Welt. In spätestens acht Minuten, mit dem endgültigen Erlöschen meiner höheren Hirnfunktionen, würde es für immer unerreichbar sein. Selbst hundert Superrechner könnten den Code nicht knacken; nicht jetzt und nicht in hundert Jahren. All der schöne Reichtum würde niemals abgeholt werden. Ich wollte es ihm doch erklären, aber er war sich ja so sicher.

Diese verdammte Gier.

 

 

Aufgezeichnete Aussage der belasteten Seele 9314-TH-04092009 bei der Anhörung zum Antrag auf vorzeitige Beendigung der aktiven Schuldbewältigung, gemäß §4, Abs. 2 Bußvollzugsregelung.

Da nichts substanziell Neues vorgetragen wurde, ist eine ausreichende Läuterung zu verneinen. Der Antrag wird hiermit abgewiesen. Ein Termin für eine erneute Anhörung ist frühestens nach Ablauf der dritten Reinigungsperiode [entsprechend 240 Erdenjahren] festzusetzen. Die Entscheidung ist nicht anfechtbar.

Gez. O. G. Engel, Vors., Bußvollstreckungsausschuss


Anlage: Gesprächsprotokoll, Periode 3, Sitzung 1:

 

Alles aufschreiben? Wozu das denn? Ich weiß nicht, ob man’s ihnen gesagt hat, aber die glauben mir hier sowieso nicht. So’n Quatsch. Reine Zeitverschwendung.

...

Okay Punkt für sie. Was soll ich denn nun aufschreiben?

...

Meine Beweggründe? Das Geld. Was denn sonst. Jeden Tag lief es unter meinen Fingern durch. Unsummen von Geld. Schmutziges Geld aus Drogendeals, aus Waffenverkäufen, Menschenhandel, Glücksspiel, aus welchem Verbrechen sie sich überhaupt vorstellen können. Hauptsache es kam genug zusammen.

...

Nein, damit hatte ich nichts zu tun. Ich hab’ mich nur um den Bankkram gekümmert; hab’ die Summen verteilt in winzige Häppchen. Das Geld kam schmutzig bei mir rein und blütenweiß wieder heraus. Jedenfalls das meiste davon. Reibungsverluste gehören zum Spiel. Schon witzig. Mein Boss hat mir damals vertraut. Na ja, nicht wirklich; dachte halt, er könnt’ mich kontrollieren. Ist ihm ja auch gelungen, irgendwie. Aber nicht ganz. Fast hundert Millionen habe ich für mich abzweigen können. In weniger als sechs Monaten. Fünfundachtzig sind’s gewesen, plusminus. Jetzt überlegen sie mal. Sie gehen auf die Dreißig zu. Sie kriegen die Chance auszusteigen, so richtig mit Stil. Sie müssen nur ein paar Zahlen eintippen und bestätigen. Die Leute, die sie beklauen, sind sowieso Gauner. Kein Risiko dabei, also fast keins. Würden sie da nicht zugreifen? Sicher!

...

Opfer? Ja stimmt schon. Der Tote. Aber der war ein Auftragskiller und er sollte mich töten. So wollt’ ich’s außerdem gar nicht. Allerdings als er mich zu würgen anfing, war ich schon froh, dass es ihn erwischt hat und nicht mich. Doch ja, ich soll ja ehrlich sein. Ich war froh. Wir hätten ihn auch beteiligen können. Es war ja genug da. Ich hab’ das nicht entschieden. Ich wußte, dass sie mich jagen würden, wenn ich mit dem Geld verschwinde. Bei zwei Kollegen hatt’ ich das schon erlebt. Die hatten es probiert; vor mir. Sie wurden zur Strecke gebracht, innerhalb von Tagen. Die Firma hatte diesen Spezialisten. Niemand kannte ihn, aber wir wußten, dass er da war und lauerte, sobald irgend jemand von uns versuchen sollte, was zu drehn. Und ich hab’ rausgekriegt, wer er war. Über die Wahlwiederholung am Telefon von meinem Boss. Ich stand daneben, als der Boss ihn auf einen Freund von mir hetzte. Wahrscheinlich wollte er, dass ich es mitkriege. Zur Abschreckung. Aber er hat mich nicht abgeschreckt. Er hat mich erst auf die Idee gebracht. Was dann kam, war das Schwierigste, was ich je gemacht habe. Ich meine, so ein Mann, so ein Spezialist, ist ja wie ne Tarantel. Eine falsche Bewegung, und du bist tot. Du musst ihn anrufen, ohne dass er raus kriegen kann, wer du bist. Du musst sein Vertrauen gewinnen; ihn überzeugen, dass er mit dir zusammen viel mehr Geld machen kann, als mit dem Boss. Es könnte ja immer auch eine Falle sein und dann wär’ er weg von der Sonne. Das war wirklich hart. Aber es ist mir geglückt. Der Typ hatte natürlich auch einen Kollegen, der auf ihn aufpasste. Genau genommen passten sie aufeinander auf. So läuft das in dem Business. Niemand vertraut irgend jemand. Ich hab dann das mit Geld gemanagt, was, wie schon gesagt, für mich total easy war. Er hat die Flucht organisiert, jedenfalls das meiste davon. Das Waldversteck in der einsamsten Ecke der Eifel war mein Vorschlag. Um seinen Kollegen wollte er sich allein kümmern. Wirklich. Ich dachte, er kauft ihn ein. Ich wäre nie drauf gekommen, dass er ihm was antut.

...

Sie glauben mir nicht?

...

Ach so, es kommt gar nicht darauf an, dass sie mir glauben. Warum machen wir das dann überhaupt?

...

Ich soll mir klar werden, ob ich mir selbst glaube?! Ist doch albern, oder? Ich kann hier doch gar nicht schwindeln. Die wissen doch alles. Die sind doch allwissend. Die haben doch alles mitgekriegt. Und trotzdem glauben sie mir nicht. Das ist doch zum verzweifeln, oder? Sie wissen alles, niemand sagt mir, dass ich lüge, und trotzdem glauben sie mir nicht. Das ist krank. Das ist Folter. Das ist schlimmer, als wenn sie mit glühenden Zangen kommen würden.

...

Die geben mir eine Chance? Quatsch, die verarschen mich! Genau wie mein wundervoller Partner. Da hab ich’s leider zu spät mitgekriegt. Erst als er mit der Harpune vor mir stand. An nem Eimer Schrott hat er mich auf Grund geschickt, im tiefsten Vulkansee zwischen Bitburg und Ulmen; bei lebendigem Leib. Auf der Fahrt dorthin hat er noch geprahlt, wie gut er sich auskennt. Der optimale Platz, um die Leiche von seinem Kollegen los zu werden. Jaaa, ich hab’ ihm dabei geholfen. Der Typ war tot; was sollt’ ich denn machen? Außerdem war ich ja der Nächste. Von den Fischen gefressen. Kein Mensch hat je wieder was von uns gehört oder gesehen. Von dem ganzen schönen Geld hab’ ich rein gar nichts gehabt. Überhaupt nichts. Aber mir glaubt man nicht. Finden sie das etwa gerecht?

...

Es geht nicht um Gerechtigkeit? Gott, das hat doch alles keinen Zweck. Worum geht’s denn dann?

...

Schön, dann kommen sie eben morgen wieder.

He! Sie haben das Blatt vergessen.

Schwachsinn. Die wissen doch alles und glauben werden sie mir eh nie.

 

 

Therapeut: A.M. Engel, Abt. 6, ZulNr.: 94619579
Reinigungsperiode: 3
aufgezeichnete Sitzung: 1
Klient: belastete Seele 9314-TH-04092009

Beurteilung: Es ist den vorbehandelnden Therapeuten gelungen, das Wertesystem zu festigen; Richtig und Falsch werden sicher erkannt. Der Klient hat jedoch keine Schlüsse für sich daraus gezogen; weigert sich unverändert seinen Anteil als Täter zu erkennen. Ablehnung des Antrages auf vorzeitige Beendigung der aktiven Schuldbewältigung, gemäß §4, Abs. 2 Bußvollzugsregelung, war zweifelsfrei zutreffend. Bisher keine ausreichende Läuterung. Weitere hundertneunzehn Sitzungen erscheinen bis Ablauf von Periode 3 [entsprechend 220 Erdenjahren] erforderlich und werden hiermit beantragt.

 

Sitzungen in vollem Umfang bewilligt. Gez. H. Gott

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