Herbstbekanntschaft

Schon als ich das Haus betrat, wusste ich, dass das nicht eine meiner besseren Ideen war. Hier hatte seit Jahren niemand mehr gewohnt. Die Eingangstür war eingetreten, es war stockfinster und überall auf dem Boden lagen Reste von zerschlagenem und verbranntem Mobiliar. Der Gestank von Schimmel, Ruß und Rattenkot raubte einem dem Atem. Die abgenutzen und an vielen Stellen aufgebrochenen Dielen knarrten unter meinen tastenden Schritten. Sonst war kein Laut zu hören.

Aber sie musste hier sein. Ich hatte genau gesehen, wie sie in diesem vom Verfall gezeichneten Einfamilienhaus verschwunden war. Vielleicht hatte sie bemerkt, dass ich ihr folgte und war in Panik geraten? Dabei gab es keinen Grund vor mir zu fliehen. Abgesehen von ihr war meine gepflegte Erscheinung der einzige Lichtblick in diesem heruntergekommenen Viertel.

Schon von weitem war mir die zierliche Gestalt aufgefallen. In einen schwarzen Kapuzenmantel gehüllt strich sie scheinbar ziellos durch die verlassenen nächtlichen Straßen und vermied dabei das Licht der wenigen Straßenlaternen, die noch nicht abmontiert, zerschlagen oder zerschossen waren. Ihr Gesicht hatte ich nicht gesehen, und doch war ich sicher, dass es eine junge Frau war. Vielleicht brauchte sie Hilfe? Früher oder später würde sie in dieser Gegend Hilfe brauchen. Deshalb hatte ich beschlossen, ihr nachzugehen.

Über mir keuchte es leise. Das war sie. Sie versteckte sich im Obergeschoss. Das hölzerne Geländer der Treppe war weggebrochen. Deshalb drückte ich mich eng an die kalte Wand, während ich langsam nach oben stieg und dabei versuchte, die Dunkelheit mit Augen und Ohren zu durchdringen. War da eine Bewegung auf dem oberen Treppenabsatz? Ich nahm mehrere Stufen auf einmal und sah gerade noch, wie ein Schatten im ersten Zimmer auf der linken Seite verschwand. Keine Sekunde später stand ich im Türrahmen. Durch zersplitterte Fensterscheiben fiel der schwache Lichtschein einer weit entfernten Laterne. Mitten im Raum erkannte ich die schmale Silhouette der Frau. Sie war höchstens einen Meter sechzig groß. Mit ruhigen Bewegungen hob sie beide Hände, griff nach der Kapuze ihres Mantels und zog sie herunter. Ich sah den rötlichen Schimmer ihrer hochgesteckten Haare und stellte fest, dass sie mir den Rücken zukehrte. Sie schien sich nicht für mich zu interessieren. Jedenfalls machte keine Anstalten, sich zu mir umzudrehen. Aber ich wollte ihr Gesicht sehen, sie ansprechen, herausfinden wer sie war und wie sie sich in diese gottverlassene Gegend verirrt hatte. Sorgfältig achtete ich auf meine Körpersprache, während ich um sie herum ging. Sie sollte sich keinesfalls von mir bedroht fühlen. Dann trafen sich unsere Blicke und ich erstarrte. Nicht sie war es, die Hilfe benötigte, sondern ich.

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